Samstag, 3. Oktober 2026
Jens Gökens weiße Fahnen flattern an Irene Diets Thema vorbei – Zu Gökens Besprechung von Diets Buch in Gegenwart, Nr.3/2026, S.54–62
Hurra, endlich weiße Fahnen! Jens Gökens verdienstvolle Besprechung des Buches von Irene Diet besticht durch seine wohlwollende Art, auch entgegengesetzte Gedanken oder Meinungen aufzunehmen – als Bereicherung, die uns das Leben bietet. Ach, könnten wir in unserer politischen Kultur einen Hauch davon erleben! „Unser“ Kanzler (ich schreibe aus der Nähe der „Friedensstadt“ Osnabrück) sieht Frieden ja spöttisch „auf dem Friedhof“, statt ihn im Tun und Lassen anzustreben; sollen wir Gökens Artikel, der von Anerkennungen der Leistungen anderer Menschen nur so strotzt, analog einen „Heldenfriedhof“ nennen?
Spott beiseite. Nicht, dass ich Göken mit der Naseweisheit belehren müsste, dass auf geistigem Gebiet durchaus „Kampf“ angesagt sein kann; dies wird er als intelligenter Mensch wissen. Seine Einleitung, dass unter anderem „kritische Distanz gegenüber sich selbst“ gefordert ist, um in „die tieferen Schichten des Forschungsgegenstandes einzudringen“, bedeutet ja exakt die richtige Art von Kampf und trifft tatsächlich erschöpfend die leichtfüßigen „Kontextualisierer“ innerhalb und außerhalb der anthroposophischen Bewegung.
Innen oder Außen, ob man selbst oder ein anderer der „Gegner“ ist – herzlich egal! Hauptsache, man liest die neuen Gedanken heraus, wo sie denn auftreten. Wer sich eher drücken will vor diesem Herausfischen, ja wer sich ducken will vor den neuen Gedanken, der hakt sich an Gesten fest: tritt der andere zu „polemisch“ auf oder angeblich „andere ausschließend“, ist dies der Freibrief dafür, sich nicht bereichern zu lassen: das jahrzehntelange Muster, mit dem man Karl Ballmer begegnet. Gut also, dass Göken die Tür nicht zuschlägt.
Von einer „Ballmer-Schule“ zu sprechen und Irene Diet da einzuordnen, ist allerdings zu nebulös und unzutreffend. Daher sei mir, als einem derjenigen, die sich um akkurate Erschließung und Veröffentlichung des Ballmerschen Nachlasses bemühen, dieser Zwischenruf gestattet. Anhand eines auffälligen Details möchte ich verdeutlichen, wo eine solche Kontinuität von Ballmer zu Diet jedenfalls nicht zu sehen ist; danach, wo ihr Thema tatsächlich mit Ballmers Bemühungen zusammenfällt.
Die durchgängige, offensichtlich institutionalisierte (ermüdende, den „normalen“ Sprachfluss, jedenfalls meinen, störende) Nennung des vollen Vor- und Nachnamens „Rudolf Steiner“ bei Diet macht diesen selbst zu einer Institution, d.h. zu etwas, was vor Beginn des Lesens als etwas Bestimmtes feststeht. Dies geht gerade nicht auf Ballmer zurück; wir kennen es allerdings von Rüdiger Blankertz. Ballmer aber schrieb – wenn auch ungewöhnlichste Gedanken – in normaler Sprache auf: am Ende der Lektüre (die sich auch zigfach wiederholen darf) ist man dann klüger über einige Weltsachverhalte (wie etwa das „Ereignis Rudolf Steiner“) oder man ist es nicht. Keinen Sinn aber hat es, diesem bestimmten Einzelmenschen Rudolf Steiner vorneweg etwas Bestimmtes zuzuschreiben und dann erst mit dem Denken anzufangen. Auf weiten Strecken benutzte Ballmer die Bezeichnung „der NN“ zur Kennzeichnung „eines bestimmten körperlichen Einzelmenschen“ – der dann verrückterweise als Weltschöpfer bezeichnet wird. In diesen Texten (seiner späteren Zeit) hat der Leser also viel zu knacken. Definitiv keinen Sinn macht es, am Ende einer solchen Lektüre zu mutmaßen: Ballmer „meine“ mit „dem NN“ natürlich Rudolf Steiner. Dafür hätte Ballmer diese Figur ja nicht einführen brauchen. Das Mitdenken des autonomen Lesers (von Steiner eingeführt) wird bei Ballmer so hoch gehalten wie bei keinem Anthroposophen sonst. Der Ball bleibt beim Leser. Wenn er das nicht merkt, kann er nochmal von vorne anfangen mit dem Gedanken „ein bestimmter körperlicher Einzelmensch“.
Diese intelligente Figur „ein bestimmter körperlicher Einzelmensch NN“ (unter welchen Begriff ja auch du und ich fallen) ermöglichte Ballmer dann auch, in Sachen „Biographie“ oder „Bild von Rudolf Steiner“ auf dem Teppich zu bleiben, denn dann geht es nicht um Heiligen-Deutung mit „Inkarnation“ von irgendetwas – wie Göken auch aus Diet fälschlich herausliest. Bezüglich Steiner-Biografie hat sich Ballmer weitgehend enthalten. Er machte sich frühzeitig stark für das, was erst später ein Verkaufsrenner wurde: Sammlung von konkreten Erinnerungen, Anekdoten usw., an diesen bemerkenswerten Menschen. Die betreffenden Bücher von Rittelmeyer und Ludwig Kleeberg z.B. schätzte er hoch. – Ob dieser konkrete Mensch Steiner nun außerdem „der Weltengott“ ist (siehe z.B. Elf Briefe über Wiederverkörperung, Neuausgabe 2019, S.151), zu dieser Frage muss der Leser sich unter Ballmers Anregungen selbst hinquälen. Ja, wie der Kampf auf geistigem Gebiet eine höchst innerliche Sache ist (ob nun unter Zweien oder in Einem für sich selbst), so (ebenso unpathetisch gemeint) die Qual. Ballmer: „Glauben Sie mir: das intensiv erlebte Nichtverstehen ist die nicht zu vermeidende Vorbedingung für das Verstehen.“
Die akribischen Auseinandersetzungen von Irene Diet (zur Biographik Rudolf Steiners) sind nicht jedermanns Sache, meine jedenfalls nicht. Als Thema des hervorragenden Buches von Diet habe ich aber gar nicht diese Auseinandersetzungen (die Göken mit Empfindlichkeit als menschliche Auseinandersetzungen auffasst) herausgelesen, sondern unterm Strich, wie es der geniale Titel sagt: die Einheitlichkeit des Lebenswerkes Rudolf Steiners: „Nein, ich habe mich nicht geändert.“ (S.73) Und diese allerdings ist tausendmal wichtiger als inneranthroposophische Histörchen und Kämpfchen. Nicht aus Renomée-, sondern aus „wissenschaftlichen“ Verständnisgründen. Um diese Einheitlichkeit geht es ganz aktuell und ganz praktisch. Dazu muss man sich nur anschauen, mit welcher Unwissenschaftlichkeit ein anthroposophischer Professor wie Jost Schieren sie aus politischen, Bequemlichkeits- oder sonstwelchen Motiven vom Tisch wischt – nicht im luftleeren Raum, sondern ganz praktisch auf Pädagogik bezogen. 1 Wie man sich dazu politisch-diplomatisch äußern will, ist natürlich eine andere Frage. Diets Thema ernst zu nehmen, ist aber keine politische Frage, es ist keine Sophisterei, um die Eskapaden eines anthroposophischen Professors wieder einzufangen, sondern dringende wissenschaftliche Notwendigkeit, um uns einen tragfähigen, zukunftsträchtigen Zugang zu Steiners Werk jenseits aller „unwesentlichen“ Diskussionen für das 21. und folgende Jahrhunderte überhaupt erst zu eröffnen.
Dazu sind in Diets Buch wesentliche Ansätze anzutreffen, was Göken ihr ja auch am Schluss attestiert: den „eigentlichen Weg Rudolf Steiners“ aus allen irrigen Assoziationen und entgegen allen verdummenden Versuchungen unseres Medienzeitalters herauszuarbeiten.
Allerdings sind dies bei Diet nur knappe Andeutungen. Sie verspricht ja, mehr zu liefern. In meiner Lektüre habe ich den Höhepunkt ihres Buches diesbezüglich auf S.104 gefunden:
Vielleicht kann ja auch das Verhältnis „zwischen der geistigen und der irdischen Welt“ auf den Prüfstand?! Dies ist ein Rat an Jens Göken. Denn auffälligerweise beginnt ja sein Artikel mit der Dualität in der bisherigen Steiner-Biografik: Prokofieff versus Lindenberg, also sozusagen: Schwerpunkt in der geistigen oder in der irdischen Welt. Was wird denn aber im Verlauf des Artikels daraus? Möchte Göken nichts weiter als einen „Mittelweg“ oder eine Offenheit, um das gesamte Spektrum auszuschöpfen? Hätte sich diese Dualität nicht geeignet, um mehr daraus zu machen, nämlich in einem quasi dialektischen Schritt auf den Gedanken einer Steiner-Sicht zu kommen, aus der heraus sich erst geistige und irdische Welt differenzieren? Ist dieser „Monismus“ (wenn man mit dem Wort keinen Unfug betreibt) nicht unverkennbar in Steiners Werk angedeutet – und wir hätten es herauszuarbeiten? Nachdem Generationen, siehe Diet, sich an dieser Aufgabe vorbeimogelten?
Dafür könnte allerdings Karl Ballmer Pate stehen: „Die Weltschöpfung findet in der Gegenwart statt.“, schrieb er des öfteren 3 – womit er nicht die Zeitschrift meinte, mit der er (mit Friedrich Eymann) seine eigene Geschichte hatte.
1 Ich habe unter https://www.lfl-siegen.de/i.php?n=Sih.P035 und https://www.lfl-siegen.de/i.php?n=Vlinder.V095#~Nachschlag auf Schieren Bezug genommen. ⇑
2 Siehe meine etwas kürzere Besprechung von Diets Buch unter https://www.lfl-siegen.de/i.php?n=Vlinder.V116#~Buchempfehlung. ⇑
3 Siehe z.B. „Ehrung“, Edition LGC 2006, S.34 ⇑
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