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Die „rätselhafte“ Stimmigkeit

Wolfgang Müller
Das Rätsel Rudolf Steiner
Irritation und Inspiration
1. Auflage 2025
250 Seiten
ISBN 978-3-520-91601-3
25,00 €

„Steiner und kein Ende!“, so könnte man Goethes Wort zur Shakespeare-Rezeption variieren. Dass eine schon zu Lebzeiten existierende Anhängerschaft binnen 100 Jahren eine stattliche Reihe von Monographien zu Steiner produzieren musste, versteht sich von selbst. Dass aber heute immer noch – oder mehr denn je – „etwas zu sagen übrig ist“, liegt laut Goethe an der „Eigenschaft des Geistes, dass er den Geist ewig anregt“. Worin liegt die besondere Art Wolfgang Müllers, sich anregen zu lassen, dass er auch mit diesem Buch – wie ich vermute – hohe Leserzahlen finden wird? „Endlich ein Buch, das man jedem in die Hand drücken kann, der sich für Steiner interessiert!“ – das ist öfter zu hören. Liegt es daran, dass Müller, relativ spät erst auf die Anthroposophie gestoßen, ein – wie wir alle wissen: überflüssiges – Bekenntnis zur Anthroposophie zu vermeiden in der Lage ist?

Als professioneller Medienschaffender – er war lange Zeit beim NDR tätig – verfügt Müller spürbar über die Kompetenz, einem weiten Publikum kulturelle Inhalte zu vermitteln, aus dem richtigen Verhältnis von Abstand und Nähe. Er schreibt spannend, weil persönlich und authentisch. Die Kapitelfolge kann hier nicht referiert werden, sie umfasst einen bunten Bogen von Themen, die heute in Bezug auf Steiner und seine Wirkung wirklich interessieren. Dass „auch Kritik erlaubt“ ist, ist so selbstverständlich, dass ebendiese hier nicht um ihrer selbst willen geschieht. Und wenn Müller von „Zumutung Anthroposophie“ (so war ja der Titel seines letzten Buches), von „Rätsel“ und „Irritation“ in bezug auf Steiner spricht, dann nicht einfach nur, weil das mehr sexy ist als Hagiographie und Scheinwissenschaftlichkeit, sondern weil er in der Tat mit Steiner ringt, im positivsten Sinne.

Wie nähert man sich sinnvoll dem Objekt Steiner? Sein Schüler Karl Ballmer stellte 1957 nüchtern fest, es werde im allgemeinen „nicht von ferne geahnt, dass man in Steiner nun endlich einen Gegenstand hat, der aus sich selbst begriffen werden muss (…). Es ist einfach unintelligent, an Steiner irgendwo aufgelesene Kriterien von außen anzulegen.“ Dies Wort in Zanders Ohr!

Aber wie soll das gehen: „aus sich selbst“? Müller ist intelligent genug, Steiners Grundkonzeption (wie es in Vorworten seiner Bücher steht) zu sehen und bewahrheitet zu finden: hier ist, einmal abgesehen von aller „übersinnlichen Wahrnehmung“, rational gedacht worden und kann jederzeit mitgedacht werden. Das gilt. Und was Müller sogleich im Eingangskapitel „Was ist der Kern der Anthroposophie – Dreister Versuch einer Kurzfassung“ herausarbeitet, ist die fundamentale Rolle der Persönlichkeit, des Individuellen, die sich in unserer Zeit nicht mehr hintergehen lässt, auch nicht beim Wiedererwerb von Spiritualität: Anthroposophie will den Menschen „bis ins Letzte wachrufen. Das Individuelle soll selbst Träger des Geistigen werden.“ (S.26) „Das urteilende, nach Einsicht verlangende Ich lässt sich nicht mehr ausschalten.“ (S.25)

Beim sachlichen Mitdenken mit jemand Anderem macht Müller nun die Erfahrung, dass er von diesem Andern beschenkt wird mit etwas, was er lang gesucht hat. Anthroposophie sei wie ein „ungeladener Gast“ in der modernen Kultur, man werde sie zunächst „unzart“ behandeln, bis man merke, dass sie als Gastgeschenk etwas lang Vermisstes mitgebracht habe – in dieser recht unscheinbaren Aussage Steiners (in zwei öffentlichen Vorträgen in GA 72 📄 sowie als kurze Nachlass-Notiz, im Buch auf S.73) scheint Müller sich wiederzufinden. Und damit spricht er vermutlich vielen Lesern aus der Seele. Denn in der öffentlichen Debatte, wo anthroposophische Verbandsmenschen permanent durch fragwürdige und erfolglose Vorwärtsverteidigungen in Anspruch genommen sind, sind solche zarten und zugleich selbstbewussten Töne sonst nicht zu hören. Wer unterm eingebildeten Zwang steht, in der jovialen Partystimmung sich als vollwertigen, „anerkannten“, eingeladenen Gast zu profilieren, wird den in der Ecke stehenden Fremdling und die leisen Anzeichen des Stimmungswandels in seinem Umkreis kaum wahrnehmen. Müller aber weiß und schildert es, bis hin zu pessimistischen Tönen, wie bitter nötig mittlerweile unsere Kultur die Anregungen des Gastes hat.

Müller hält sich nicht groß am „Begriff des ‘Geistigen’“ (S.21) auf, betont aber, dass „auf diesem Gebiet“ alles Beweisen-wollen ein Unsinn ist. Unser Bedürfnis geht nach tiefer, nachhaltiger Sinngebung (übers Private und Unpolitische hinaus), und diese lässt sich nicht durch Beweise herbeizaubern, sondern kann bei Steiner – eventuell – als lebendige, wachsende Überzeugung erarbeitet und erfahren werden (S.23). Und nun erlebt Müller das Steiner-Lesen so:

Was überzeugt, sind weniger seine einzelnen Mitteilungen als vielmehr die Stimmigkeit des Gesamtbildes. Man glaubt die Wirklichkeit im Lichte dieser Anschauungen besser verstehen zu können. Sie haben eine Weltbeleuchtungsfähigkeit.

Da möchte man Müller ermuntern, die „Stimmigkeit des Gesamtbildes“ doch nun konsequent in der Persönlichkeit des Urhebers der Anthroposophie verankert zu sehen. Wo denn sonst, wenn der Unfug des Beweisenwollens wegfällt? Und wenn gegen Ende des Buches (S.225) die Wirkung der Anthroposophie zusammenfassend darin gesehen wird, „dass die Welt sich auf eine schwer zu beschreibende Weise reicher und interessanter darstellt“, ist eigentlich das Naheliegendste (freche, aber ganz sachlich gemeinte Analogie: wie beim Verliebtsein), dies als die Wirkung eines konkreten einmaligen Menschen zu vermuten. Doch „unser agnostisches, in philosophicis dilettierendes Zeitalter hat keine Methoden zum Verständnis der Rolle der Persönlichkeit beim Zustandekommen der Wahrheit“, schrieb wiederum Karl Ballmer. Obwohl doch hierüber insbesondere dem Frühwerk Steiners etliches (und stets Unwiderrufenes) zu entnehmen ist.

Man weiß es als Anthroposoph, verdrängt es aber gern: Vor dem theosophisch-anthroposophischen Steiner gab es den philosophisch-individualistischen. Dieser polemisierte gegen die jenseitssüchtigen Theosophen, bekannte sich zum Universal-„Eigner“ Max Stirner und schrieb Sätze wie: „Die Welt ist Gott. Das Jenseits beruht auf einem Missverständnis derer, die glauben, dass das Dasein den Grund seines Bestandes nicht in sich hat. Sie sehen nicht ein, dass sie durch das Denken das finden, was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen.“

Für den oberflächlichen Blick sind zwei verschiedene, widersprüchliche Steiner zu sehen. „Kritiker“ schlachten das aus; Anthroposophen tendieren dazu, den frühen Steiner auszublenden, weil sie – außer fadenscheinigen Erklärungsmustern – keine Brücke zum späten erkennen können.

Aber es könnte viel daran liegen, endlich den einen, in sich stimmigen Steiner zu entdecken – weil er sonst halb bleibt und ein Rätsel. Das Buch führt auf diese Spur, wenngleich es sie nicht ausspricht. Manche Diskussionen würden weniger sinnfrei sein, wenn man Müllers „Stimmigkeit des Gesamtbildes“ in den Blick nehmen würde – und wenn dazu mit derselben Ehrlichkeit, die Müller sich sonst leistet, endlich auch der frühe Steiner als „Eigner“ gehören würde. Diese Vertiefung würde aus einem nervenkitzelnden „Rätsel …“ ein in sich gegründetes „Ereignis Rudolf Steiner“ machen.

Das Cover also, mit den über Kreuz auseinandergeschobenen Steiner-Hälften und einem Nichts in der Mitte, kann die uns hinterlassene Aufgabe symbolisieren, 100 Jahre nach Steiners Tod die Einheitlichkeit eines für andere Menschen rastlos tätigen „Weltdurchleuchters“, für den selbst erstaunlicherweise „das Dasein den Grund seines Bestandes in sich hat“, langsam in den Blick zu nehmen.

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