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Samstag, 19. März 2022

Mitte: Rudolf Steiner

Im Kriegsjahr 1918: „Das ist etwas, wovon auch die großen, einschneidenden, katastrophalen Ereignisse der Gegenwart Spezialdinge sind; das ist etwas, was einen großen, umfassenden Kampf inauguriert, der sich in den verschiedensten Formen in der nächsten Zeit über die Erdenmenschheit hin zum Ausdruck bringen muss.“

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Herzliche Einladung, Rudolf Steiner1 zu lesen. Wer sich langsam der Befangenheiten der Verschwörungsleugnung entwöhnt, wird für die neu entstehenden Interessenfelder bei Steiner reichlich Material finden – dies ist eher qualitativ als quantitativ gemeint. Es gibt keine Vortragsreihe, meines Wissens auch in der Sekundärliteratur keinen monographischen Leitfaden, der durch die Thematik der „angestrebten irdisch-universellen Weltherrschaft“ (s.u.) systematisch und umfassend durchführt. Das über die Verschwörung(en) zu Sagende wird zuallermeist eher angedeutet – aber vor tiefgehenden geistes-wissenschaftlichen Hintergründen. Ein Beispiel ist die folgende Passage aus dem Vortrag in Berlin am 9. April 1918 (enthalten in GA 181). Die letzten beiden Absätze zur „liebenswürdigen Kleinigkeit“ beenden schon fast den Vortrag und zeigen Steiners Methode, in scheinbaren Nebensächlichkeiten oft Entscheidendes zu hinterlegen: Die Aussage „Die Vorstellung ist ein individualisierter Begriff“ als kopernikanische Wende…

So ungeheuer katastrophal unsere gegenwärtigen Ereignisse sind, so sehr sie schon, rein äußerlich, oberflächlich betrachtet, alles überbieten, was an Ähnlichem seit dem geschichtlichen Leben sich in der Menschheit ausgebreitet hat, sie sind trotzdem Teilereignisse eines großen, umfassenden Geschehens, eines Geschehens, das nur derjenige richtig ins Auge fassen kann, der es mit der nötigen Ehrfurcht und mit dem nötigen Ernst betrachtet. So etwas wird ins Auge gefasst werden müssen. Vor allen Dingen weiß man an gewissen Orten unserer Erdenmenschheit über die Menschheitsentwickelung schon mancherlei. Aber man bewahrt gerade jenen Teil des Wissens sorgfältig, der Macht in die Hände der Wissenden liefern soll. Nun weiß ich ja nicht, inwiefern Sie dieses bezweifeln wollen, aber die Dinge, die ich meine, sind eben so gesagt, dass ich es jedem frei stelle, davon in seinen eigenen Glauben aufzunehmen, so viel er von ihnen für glaubwürdig hält. – Es streben heute die Menschen der englisch sprechenden Erdenbevölkerung aus gewissen Impulsen heraus, die wir vielleicht auch noch einmal genauer charakterisieren wollen, nach einer irdisch-universellen Weltherrschaft. Das ist kein Ergebnis irgendeines mitteleuropäisch-chauvinistischen Empfindens, sondern es ist ein Ergebnis der ganz objektiven okkulten Forschung, und es würde von den wissenden Mitgliedern der anglo-amerikanischen Bevölkerung jedenfalls am allerwenigsten negiert werden – geleugnet vielleicht, aber nicht negiert –, bloß dass die Wissenden es auf keinen Fall unter die Leute kommen lassen wollen. Diese Wissenden wissen nämlich auch das Folgende noch, das ich Ihnen anschaulich machen will, indem ich ein klein wenig weiter aushole.

Im Verlaufe der Menschheitsentwickelung, so wie vom dritten, vierten in unseren fünften nachatlantischen Entwickelungszeitraum die Entwickelungszusammenhänge in den Materialismus hinein sich gestaltet haben, sind manche Dinge, die früher Wahrheiten ausdrückten, entwertet, richtig entwertet worden. Wenn Sie nach alten Überlieferungen suchen, finden Sie überall gerade die tiefsten Wahrheiten in die Bildform gekleidet. Mythos, Bilder, Bildformen lassen sich ja heute die Menschen nur noch als Dichtung gefallen. Bei Strindberg zum Beispiel lassen sie es sich gefallen, weil er ja scheinbar Dichtung geben will. Aber die Menschen sind bescheiden, wenn sie sagen: Das brauche man nicht zu glauben, und man soll ja nichts darin sehen, was wirkliche Wahrheit in den Sachen ausdrückt. – Das mythische, bildliche Ausdrücken ist entwertet worden. Die Menschen empfinden bei der Imagination nicht, dass hinter ihr etwas steckt. Dieser Prozess wird sich im Laufe des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, insbesondere bei der englisch sprechenden Bevölkerung, auf die Sprache selbst ausdehnen. Nicht nur, dass die Bilder als Ausdrucksmittel entwertet wurden, sondern das Wort als solches wird entwertet. Wie man heute vom materialistischen Bewusstsein aus das Bild bekämpft, so wird man in Zukunft das Wort bekämpfen. Man wird sagen, das Wort sei nicht geeignet, durch sich selbst überhaupt etwas Wahres auszudrücken. Fritz Mauthner hat es schon mit seiner «Kritik der Sprache» versucht, der Sprache überhaupt alles aufzuhalsen, was an Aberglauben in der Menschheit existieren soll. Aber er hat es vielleicht nicht mit einem ungeeigneten Werkzeug zu tun. Sein kritischer Teil ist nämlich ein geeignetes Werkzeug; aber er hat es mit einem ungeeigneten Material zu tun: mit der deutschen Sprache. Damit täuscht er sich. Die englisch sprechenden Okkultisten aber haben das geeignete Material: die englische Sprache. Die hat in ihrem Entwickelungsimpuls, den sinnvollen Inhalt zu entwerten, immer mehr und mehr die bloße Wortranke zu haben. Bedenken Sie, wieviel sie heute schon an bloßen Wortschweifen hat, was darin bloß überhudelt wird. Und wer gar englische Philosophie studiert, merkt es ihr an, dass die Sprache nichts mehr hergibt von inhaltsvollem Wortreichtum. Man studiere zum Beispiel John Stuart Mill, Herbert Spencer und andere: Die Sprache gibt nichts her, um in den Geist hineinzukommen. Man kann daran sehen, wie die Sprache eine große Rolle spielt, wenn das Sprachproblem von englisch sprechenden Okkultisten aufgefasst wird; denn das liegt in den Zeitimpulsen. Daher handelt es sich darum, aus okkulten Untergründen heraus Mittel und Wege zu ersinnen, um ohne die Hilfe der Sprache Weltherrschaft auszuüben. Und das ist der große Gegensatz von Orient und Okzident: der Orient mit seiner ungemein lebendigen Intensität der Sprache, der Okzident mit dem Abwerfen des inneren Sinnvollen der Sprache. Wiederum ist der Mitteleuropäer zwischen die beiden Extreme hineingestellt. Was sich da abspielt und was ein bedeutsames Symbolum hat in etwas, was heute so laut wie möglich geschrien wird, aber so verlogen wie möglich ist, um das Wahre zu verdecken – das ist wieder nicht aus irgendeiner chauvinistischen Empfindung heraus gesagt, sondern aus der nüchternsten geisteswissenschaftlichen Entdeckung –, was so laut geschrien wird und die verschiedenen Völker zur Geltung bringen, das ist nur gesagt, um das andere zu verhüllen: Der Wille, zur Herrschaft zu kommen auf einem Gebiete, wo die Sprache durch ihren eigenen Entwickelungsgang ihre Herrschaft verliert. Das ist etwas, wovon auch die großen, einschneidenden, katastrophalen Ereignisse der Gegenwart Spezialdinge sind; das ist etwas, was einen großen, umfassenden Kampf inauguriert, der sich in den verschiedensten Formen in der nächsten Zeit über die Erdenmenschheit hin zum Ausdruck bringen muss. Es ist nicht etwas, worüber man so denken kann, dass es damit sein wird wie mit allen Kriegen bisher: dass früher auch Kriege gewesen sind, dass dann Frieden geschlossen sind und dass es weiterhin sein wird, wie es früher auch war. Sondern das ist etwas, was man als etwas Perpetuierliches ins Auge zu fassen hat; denn nur dann bekommt man über die einschneidenden Ereignisse der Gegenwart durchgreifende Gedanken, wenn man solche Dinge berücksichtigt. Man muss sich heute entschließen, über gewisse Verhältnisse nicht mehr oberflächlich zu denken, sondern in die Tiefen hineinzugehen, sonst kommt bei allem, was man zu unternehmen versucht, nichts besonderes heraus. Aber es wird der Gegenwart recht schwer, sich an das zu gewöhnen, was auf diesem Gebiete aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung heraus fließen muss.

An einer Kleinigkeit trat mir das in diesen Tagen grotesk entgegen, und weil es einen außerordentlich liebenswürdigen Ursprung hatte, war es so grotesk. Ich war in diesen Tagen beschäftigt mit der Ausgestaltung der Neuauflage der «Philosophie der Freiheit», die in der nächsten Zeit erscheinen soll. Nun ist es ja lange her, dass ich als junger Mann die «Philosophie der Freiheit» geschrieben habe; ich war damals etwa zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahr alt, es ist also wirklich schon recht lange her. Und das bringt so manche Dinge an die seelische Oberfläche. Nun hatte ich damals mit Bezug auf dieses Werk eine große Befriedigung, wie ich auch in der Zeitschrift «Das Reich» ausgeführt habe. Ich korrespondierte damals viel mit Eduard von Hartmann, dem Verfasser der «Philosophie des Unbewussten», und er hatte, als er meine «Philosophie der Freiheit» empfangen hatte, in sein Exemplar seine Bemerkungen hineingeschrieben und es mir dann zur Verfügung gestellt. Ich habe mir damals diese Bemerkungen abgeschrieben und habe sie heute noch. Sie sehen, eine recht liebenswürdige, alle meine Dankbarkeit herausfordernde Veranlassung liegt vor in bezug auf das, was ich jetzt zu erzählen habe.

Ich hatte in der «Philosophie der Freiheit» zunächst die geistige Wesenhaftigkeit in der Form des sich selbst erfassenden Denkens hingestellt, weil man nur dadurch wirklich zur Erfassung eines Geistigen kommt, dass man das, was dem Menschen zunächst als Geistiges entgegentritt – das sich selbst erfassende, auf sich selbst beruhende Denken – wirklich erfährt, wirklich erlebt. Aber, indem dies sich mir damals ergeben hat, hatte ich nötig, über manche Dinge in andern Sätzen zu sprechen, als diejenigen sprachen, die von andern Gesichtspunkten ausgingen. So hatte ich zum Beispiel auf einer Seite den Satz: Die Vorstellung ist ein individualisierter Begriff, der Begriff ist auf intuitive Weise im Geiste erlebt; die Vorstellung ist individualisierter Begriff und wird von dem Ich auf das Objekt nach außen bezogen. – Unter den Dingen, die Eduard von Hartmann damals angestrichen hat, ist auch hier sein Strich, und er hat dazu bemerkt: «Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.» Man sieht, es ist eine sehr liebenswürdige Veranlassung, aber etwas, was sehr charakteristisch ist. Denn wenn man Großes mit Kleinem vergleichen darf, könnte man folgendes heranziehen. Als Kopernikus den Gedanken ausgesprochen hatte: Nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern die Erde um die Sonne –, wenn ihm da jemand an den Rand geschrieben hätte: Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch –, was wäre das für eine Sonderbarkeit gewesen!

 

1 Übrigens, Herr Bundeskanzler Scholz: Wir haben durchaus registriert, dass Sie Ihre 100-Milliarden-Rede, mit der fünfmalig beschworenen „Zeitenwende“, exakt zu Steiners Geburtstag (27. Februar) gehalten haben. Nun ja, von Steiner her gesehen ein „ungewöhnlicher Wortgebrauch“, wie Sie vermutlich wissen…



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