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Dienstag, 20. April 2021

Es ist ein schweres Problem in der Medizin, das der Lösung harrt.

Der Arzt und populäre Schriftsteller Carl Ludwig Schleich (1859–1922) legt in seinem Buch „Besonnte Vergangenheit“ (1920) seine Erinnerungen an den berühmten, 1915 gestorbenen Mediziner Paul Ehrlich ab. Im Rahmen der hohen Wertschätzung und Bewunderung von dessen wissenschaftlichen Leistungen stößt er auf ein „schweres Problem in der Medizin, das der Lösung harrt“.

[Auszug aus dem unter http://www.zeno.org/Naturwissenschaften/M/Schleich,+Carl+Ludwig/Besonnte+Vergangenheit/Paul+Ehrlich öffentlich zugänglichen Text:]

Es ist ein schweres Problem in der Medizin, das der Lösung harrt. Die Menschheit, überhaupt die belebte Materie, würde nicht lebensfähig sich erhalten haben, wenn sie nicht von Natur den Kampf mit der Außenwelt (einschließlich der Bakterien) von Beginn an zu bestehen imstande gewesen wäre. Haben Ärzte historisch einen Einfluß auf diesen Aufstieg der Menschheit ausgeübt, oder wäre alles (für den Kollektivbegriff der Menschheit) ebenso gekommen, wenn es nie Ärzte und immer nur Zauberer, Quacksalber und weise Frauen gegeben hätte? Des Arztes Verhältnis zu dem Kranken ist etwas durchaus Persönliches, Individuelles, es ist etwas Seelisches, Gläubiges oder Abergläubisches, das die Leidenden ebenso zum Geheimrat wie zum Schäfer und Kurpfuscher treibt; der Arzt ist das Produkt eines Regenschirmbedürfnisses für die Not, einer Schutzhoffnung des Menschen, er ist eine Sehnsucht, ein seelisches Postulat. Er ist der Detailhändler der wissenschaftlichen Doktrinen, der Reisende für Dogmen und Theorien. Er soll die Weisheit[301] der Entdecker am Generellen in ihre Anwendbarkeit auf den Einzelfall übersetzen. Denn der Arzt soll Individualist sein, die Wissenschaft aber generalisiert.

Die ganze Menschheit kämpft aber organisch von selbst, an sich, aus sich, und von Natur gegen ihre Bedrohungen. Sie schafft durch Generationen mit Hekatomben von unerhörten Opfern selbst in sich organische Dämme, ihr Eingestelltsein gegen Schädlichkeiten, ihre eingeborenen Immunitäten.

Das ist ein langer, durch Wüsten von Gräbern führender Weg, und jeder Sterbende ist in diesem Kampfe ein wenig ein Christus, der für seine Brüder stirbt, weil er ein wenig hilft, eine Schädlichkeit auch durch sein Opfer für seine Nachkommenschaft wett zu machen. Es schreitet ein steter organischer Pilgerchor des Opferns voran.

Und nun kommt die Wissenschaft und glaubt diesen Weg durch künstliche Heranzüchtung von Widerstandskräften um Jahrhunderte, Jahrtausende abkürzen zu können.

Das ist das Problem. Kann das gelingen? Kann ärztliche Kunst dem Rade des naturgemäßen, langsamen, aber stetigen Ablaufes des Selbstschutzes der Natur in die Speichen greifen, kann man dem Tode ein geistig Schnippchen schlagen, um mit den Waffen eines Ehrlich in der Hand nicht mehr individuell, sondern ganz generell zu heilen, gewissermaßen vom Laboratorium aus, mit einer Blutprobe in der Hand, ohne den Patienten je von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Vor diesem Probleme stehen wir.

Das müssen sich die Ärzte bald einmal völlig klar machen. Der generelle Laboratoriums-Aeskulap ist am Werke, den Pilgerarzt, der über Land von Hütte zu Hütte wandert, abzulösen. Die Fabrik rutscht langsam an die Stelle der Apotheke, und die Erkenntnisse eines Ehrlich, eines Wassermann werden vielleicht dazu führen, den ganzen Wust der persönlichen Diagnostik über den Haufen zu werfen. In der Blutprobe allein leuchtet manch[302] diagnostisches Röntgenlicht. fern vom Patienten kann Reagenzglas und Mikroskop die Diagnosen stellen, wie einst symbolisch der Schäfer Ast aus dem Haarbüschel.

Mag diese Zeit fern oder nahe sein, die Wissenschaft drängt mit einem Riesenimpuls darauf hin, und Ehrlich war ihr Heerführer, und ein Wassermann wird ihr großer Feldherr sein.

Der Arzt aber, der etwas stutzig werden könnte vor dieser Gespensterperspektive einer unpersönlichen Medizin, hat eins in seiner altbewährten humanen Trösterhand, das ihm nie ein Laboratorium, keine Reaktion und keine Toxintheorie entreißen kann: das ist die Seele seiner Leidenden. Je mehr die Medizin generell und universell werden sollte, desto psychologisch tiefer, desto ethischer, kultivierter, hochgesinnter muß der Arzt werden, desto mehr drängt ihn die im Sturmschritt auf Verallgemeinerung der Heilmethoden, auf Monopole und Spezialitäten vorrennende Wissenschaft in das stille Kämmerlein, wo Beichte, Trost und Mittlerschaft des Seelischen ihre Wohltaten spenden.

Wer Paul Ehrlich einmal, wie ich damals in Frankfurt a. M., am Krankenbette, in den Sälen eines großen Krankenhauses zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, der muß bemerkt haben, daß in diesem außerordentlichen Manne dieses Bewußtsein des eben aufgezeigten gewaltigen Problems der Medizin ganz gegenwärtig war. Es war geradezu rührend für mich, zu sehen, wie schmiegsam zärtlich er mit den kleinen Patienten umging, sich über ihr Bettchen beugte, sie streichelte und Scherze machte, und das doch, indem man ihm deutlich anmerkte, wie scheu, wie ungemütlich, wie fernab er sich vorkam in diesen Betrieben, die in seinem Namen ihre Räder spielen ließen.

Oder war es die hellseherhaft ihm aufleuchtende ungeheure Verantwortung, die er kraft seiner Erkenntnis und Empfehlung auf seine Menschenschultern nahm? In diesen Augenblicken dämmernden Kleinmutes erschien mir Ehrlich am größten!


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